Die Entzauberung ihrer Welt

Mit Fug und Recht lässt sich wohl behaupten, die traditionellen Medien (Printmedien, TV, Radio) befänden sich zur Zeit in einer Krise. Schaut man des abends in die Talkshows der öffentlich rechtlichen Sender, so wird dort immer wieder über Themen wie Fake News, Glaubwürdigkeit und ans Internet verlorene Zuschauer oder Leser diskutiert. Die Medien bzw. ihre Schaffenden machen sich selbst zum Thema, kreisen um sich selbst, begutachten sich selbst, bemitleiden sich selbst, generieren sich selbst Forum und Öffentlichkeit.

Gleichzeitig, aber weniger wohlwollend, beobachten sie ihre neue Konkurrenz aus dem Internet. Ihr besonderes Augenmerk liegt dabei auf den sozialen Netzwerken wie Facebook oder Twitter. Man könnte meinen, indem diese thematisiert werden, würde auch ihnen ein Forum sowie Öffentlichkeit geboten. Doch in der Regel wird nicht mit ihnen, sondern über sie diskutiert.

Besonders im Fokus stehen dabei die Inhalte, die in den sozialen Netzwerken präsentiert werden. Diese werden nicht von den Betreibern selbst, sondern von ihren Nutzern online gestellt, bewertet, kommentiert, geteilt und weiter verbreitet. Was von den Machern der traditionellen Medien in diesem Zusammenhang besonders kritisiert wird, ist der häufig mangelhafte bis unzureichende Wahrheitsgehalt dieser Inhalte. Sie sind oft einseitig bis hin zur schlichten Lüge. Dies zielt in vielen Fällen darauf, die Meinung der Leser zu beeinflussen und zu manipulieren. Woher diese Inhalte kommen, wer genau sie online stellt, lässt sich in vielen Fällen kaum recherchieren. Erreicht werden mit den meist griffigen und sehr einfach gehaltenen Texten und Bildern schnell mehrere Millionen Menschen. Ganze Bevölkerungsgruppen können auf diese Weise fehlinformiert und manipuliert werden.

Die Kritik der traditionellen Medien an den Neuen ist durchaus berechtigt. Auch an Selbstkritik mangelt es nicht, doch wird diese erheblich kürzer und unaufgeregter vorgetragen. Hin und wieder gibt es Artikel oder Sendungen, die sich kritisch mit dem Thema der medialen Berichterstattung auseinandersetzen, so z.B. ein Beitrag von „ZAPP“ vom 22. März 2017. Die der Sendung zugrunde liegende Frage war, wie objektiv oder neutral in Printmedien und Fernsehen über Gerechtigkeit und Armut berichtet wird. Dazu Prof. Henrik Müller vom Institut für Wirtschaftsjournalistik der TU Dortmund in ZAPP:

„Also, jede Zeitung hat sicher ihre gewisse weltanschauliche Ausrichtung, das gilt natürlich auch gerade für die Wirtschaftspolitik. Die traditionellen wirtschaftsliberalen Zeitungen, genauso wie wirtschaftsliberale Ökonomen vernachlässigen eher Verteilungsfragen und sind eher geneigt sie runterzuspielen, wohingegen Sie es bei eher linken Medien damit zu tun haben, dass sie eher dramatisiert werden.“

Irina Kummert vom Ethikverband der Deutschen Wirtschaft stellt es in ZAPP als eine Art Zwang dar, denen die Medien bei der Berichterstattung unterworfen seien:

„Jeder hat ja ein anderes Bild von der Wirklichkeit, und jeder würde was anderes als realistisch bezeichnen. Insofern ist es so, dass die Journalisten immer auch gezwungen sind, sich nach ihrer Leserschaft und nach den Interessen ihrer Leserschaft zu richten, und daraufhin eben auch das rauszufiltern, von dem sie meinen, dass es für ihre Leserschaft von Interesse ist.“

Doch wer zwingt die Medien, sich nach den vermeintlichen Erwartungen ihrer Leser zu richten? Die Leser sind es sicher nicht. Ich setze voraus, dass ich keine Ausnahme bin, wenn ich mir eine möglichst neutrale Berichterstattung wünsche, damit ich mir auf ihrer Grundlage meine eigene Meinung bilden kann.

Vielmehr scheint es so zu sein, dass die Medien sich diesen Zwang selbst auferlegen, und zwar aus wirtschaftlichen Gründen. Sie wollen und müssen Zeitungen und Sendungen verkaufen, Werbeeinnahmen generieren, und suchen deshalb, ihrer anvisierten Klientel zu gefallen. Kann man vor diesem Hintergrund noch von neutraler Berichterstattung, von wahrheitsgemäßer Darstellung sprechen? Kummert in ZAPP:

„Ich betrachte es dann als kritisch, wenn damit Stimmung gemacht werden soll. Also, wenn bestimmte Strömungen aufgegriffen werden und damit Gefühle erzeugt werden, was ja durch die Medien ganz schnell passiert, die ich mir nicht wünsche, die vielleicht nichts mit den tatsächlichen Gegebenheiten zu tun haben.“

Journalisten werden im alltäglichen Sprachgebrauch als „Meinungsmacher“ bezeichnet, Medien dienten der „Meinungsbildung“. Schaut man in die öffentlich rechtliche Fernsehdebatte, dann nennen sich die Medienmacher vor allem selbst so. Es scheint wie eine Art Selbsterhöhung, als müssten sie sich selbst Bedeutung verleihen in Zeiten, in denen immer mehr traditionelle Medien in der Bedeutungslosigkeit zu verschwinden drohen. Verkaufszahlen bei Printmedien sind schon lange rückläufig, und immer mehr Leser und Zuschauer informieren sich über kostenlose Inhalte im Netz, die häufig von den traditionellen Medien selbst online gestellt werden. Und, ja, sie informieren sich auch in den gescholtenen sozialen Netzwerken. Doch wie viel Recht haben die traditionellen Medien, letztere zu kritisieren? Haben sie doch mittlerweile selbst um ihre Glaubwürdigkeit zu kämpfen.

In diesem Kampf spielen mangelnde Neutralität und Objektivität eine eher untergeordnete Rolle. Der Leser verlangt diese nicht unbedingt, ist er sich doch bewusst darüber, dass sie nicht gewährleistet werden können. Ebenso sind sich Leser im allgemeinen bewusst darüber, welche politische Richtung den Grundton ihrer Zeitung bestimmt. Was er aber zu Recht von den Medien verlangt, ist Ehrlichkeit über die eigene Unzulänglichkeit und ein wenig mehr Demut angesichts ihrer. Hier liegt das Problem der traditionellen Medien begründet, auch der öffentlich rechtlichen Sender. Sie scheinen vielfach allzu selbstgerecht und überzeugt von der eigenen Unfehlbarkeit und Objektivität. Dabei bemerken sie nicht, dass sie ihren Bonus der Seriosität mit ihrem Platzhirschgehabe und ihrer Überheblichkeit den Neuen Medien gegenüber verspielen. Das Urteilsvermögen der Zuschauer und Leser wird von ihnen auf tragische Weise unterschätzt, weshalb sich immer mehr Menschen abwenden, und im schlimmsten Fall am Ende „Lügenpresse“ schreien.

Die alte Welt, in der die traditionellen Medien noch das Monopol auf Information und Recherche hatten, in der ausländische Medien für das Gros der Bevölkerung unerreichbar waren und Fakten nicht auf Mausklick zur Verfügung standen, sie ist für immer vergangen und verloren. Der Wind ist rauh geworden in den alten Hallen. Heute steht die altehrwürdige „Zeit“ in Konkurrenz zum verachteten Twitter und muss um ihr zukünftiges Bestehen fürchten. Wahrlich, die Welt der alten Medien ist entzaubert, und in der neuen kämpfen sie teils ums nackte Überleben. Ehrlichkeit und Demut führen vielleicht nicht immer zum Sieg, doch sie können zu einem guten Unentschieden verhelfen.

 


(Den erwähnten Beitrag von ZAPP vom 22. März 2017 findet ihr auch hier: http://www.ardmediathek.de/tv/Zapp/Gerechtigkeit-Kampfbegriff-mit-Konju/NDR-Fernsehen/Video?bcastId=3714742&documentId=41720614 )

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